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Vielfalt in Gefahr  
Riskante Entwicklung  
 
 
 
 
 
Stand der Forschung

Der Problemkomplex Agrobiodiversität wird in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen verstärkt seit den 1990ern bearbeitet. Erste mahnende Hinweise auf die Konsequenzen dieser Entwicklung wurden von der FAO bereits Ende der 60er Jahre gegeben (TAB 1998).
Aus der naturwissenschaftlichen Perspektive wird im Bereich der Tierzucht das weltweite Problem der Existenzbedrohung alter Haustierrassen in zahlreichen Projekten und Veröffentlichungen bea
rbeitet (GEH 1997 und 2000). Eine umfassende Evaluierung der alten und bedrohten sowie der Hochleistungs-Rassen vor dem Hintergrund der Biodiversität innerhalb und zwischen den Rassen sowie hinsichtlich ihres züchterischen Potentials und ihrer Eignung für den Ökologischen Landbau wurde bisher allerdings nicht durchgeführt. Die FAO ermittelte als Grundlage für ihre Global Strategy for the Management of Farm Animal Resources (FAO 1999b) den gegenwärtigen Stand von Haustierarten und -rassen, den sie in ihrer World Watch List on Domestic Animal Diversity (FAO 2000) dokumentierte. Die züchterischen Tendenzen der größten Nutzrinderrassen sowie der Schweine- und Hühnerhybride finden dabei keine Berücksichtigung. Der Ausschuss zur Erhaltung der genetischen Vielfalt bei landwirtschaftlichen Nutztieren der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) erarbeitete im Auftrag des deutschen Verbraucherministeriums (BMVEL) ein Nationales Fachprogramm Tiergenetische Ressourcen als Beitrag zur Umsetzung der BMVEL-Konzeption Genetische Ressourcen für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Das Fachprogramm wurde im März 2003 von der Agrarministerkonferenz beschlossen. Im Bereich der Pflanzenzucht liegen Arbeiten zur zeitgebundenen Veränderung der Agrobiodiversität v.a. seitens der Agrarökologie, des Naturschutzes und der Botanik mit überwiegendem Focus auf Veränderung des Wildartenspektrums vor. Innerartliche Aspekte (Genvariabilität, Gendrift, u.a.) waren untergeordnet und sind jüngeres Thema weniger populationsgenetischer Betrachtungen (GfÖ 2001). Für den Kulturartenbereich auf Sortenebene gewinnen molekulargenetische Untersuchungen zur genetischen Distanz, zur Charakterisierung und Identifizierung von Wirtschaftssorten und Zuchtmaterial (markergestützte Methoden) zunehmend Bedeutung. Fachlich strittig dabei ist das häufig vorgetragene Argument einer reduzierten genetischen Vielfalt der modernen Zuchtsorten (Flinter 1998, Meyer/Revermann/Sauter 1998). Eine detailliertere, raum- und zeitbezogene Analyse über die Veränderung des Arten- und Sortenspektrums bei wichtigen landwirtschaftlichen Kulturpflanzen und die Verknüpfung mit Veränderungen in Produktionstechnik und verfahren liegt bisher nicht vor. Zu berücksichtigen ist im Bereich der Agrobiodiversität auch der Systembeitrag des Ökolandbaus zu allgemeiner Vielfalt auf und neben dem Acker (Hoffmann/Müller 1999, Soil Association 2000).
Die Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften haben sich bislang nicht sehr intensiv mit dem Bereich Agrobiodiversität auseinandergesetzt. Agrobiodiversität blieb ein eher vernachlässigter Se
itenstrang der allgemeinen Biodiversitätsdebatte. Nichtsdestotrotz sind die Fundamente einer Analyse vorhanden: Im Bereich der Rechts- und Governance-Analyse kann auf Erkenntnisse der internationalen (Umwelt-) Regimeforschung, z.T. der Policyforschung sowie der Institutionen- und Netzwerkanalyse zurückgegriffen werden. Die Regimeforschung befasst sich mit der Frage, wie internationale Kooperation und Regulation entsteht und wie durch institutionelles Design effiziente Regelungs-, Monitoring- und Durchsetzungsstrukturen geschaffen werden können. Vorarbeiten im Bereich Biodiversitätsregime leisteten u.a. Henne 1997, Flintner 1998, Barben 1998, Biermann/Simonis 1998, Rosendahl 1999, Brand/Görg 2000 und WBGU 2000a. Aus der Policy-Forschung fanden Erkenntnisse Eingang, die den Zusammenhang von Problemstrukturen, Konflikttypen, Macht- und Interessenskonstellationen mit (internationaler) Steuerungsfähigkeit untersuchen (Petit et al 2000). Die Institutionenanalyse kann Erkenntnisse über die Wirkung von Institutionen für die Regulation gesellschaftlicher Naturverhältnisse einspeisen. Dabei richtet sie den Blick u.a. auf Mehrebenensysteme (Benz et al 1992), wie sie auch für den Regulierungs- und Handlungsprozess im Bereich Agrobiodiversität kennzeichnend sind. In Netzwerkansätzen wird der Veränderung politischer Einfluss- und Steuerungsformen sowie der Tatsache Rechnung zu tragen versucht, dass bei der konkreten Gestaltung von Politikfeldern in zunehmendem Maße institutionell vorgegebene politische Strukturen zugunsten von Netzwerken losen Issue-networks oder engeren policy-communities aus politisch handelnden Akteuren aufgelöst werden (vgl. Hritier 1993, Messner 1996, 1997, 1998, Mayntz/Scharpf 1995, Mayntz 1997). Eine Analyse des agrobiodiversitätsrelevanten Akteursnetzwerks (vgl. Führer 1997, Meyer-Hesseln 1997) ist daher unverzichtbar für die Sondierung des Status Quo im Hinblick auf beteiligte/nicht-beteiligte Akteure, Identitäten, Normen, Situationsdeutungen, Handlungslogiken und -potenziale, wie auch für Ansatzpunkte des Umsteuerns in Richtung Nachhaltigkeit.
Die rechtswissenschaftliche Forschung setzt sich schwerpunktmäßig mit drei Aspekten von Biodiveristät auseinander: dem Zugang zu genetischen Ressourcen und Nutzung der Vorteile (access and benefit sharing) (Mugabe 1997, Lesser 1998, Wolfrum 1996, Gündling 1999), dem Biosafety-Protocol (Hagen 2000, Glass 2001, Jacob 2001) und dem Zusammenhang von Biodiversitätskonvention und TRIPS-Abkommen (CIEL 1998, Tejera 1999, Downes 1999, Stoll/Wolfrum 2000, Qureshi 2000, Löffler 2001). Dabei wird Agrobiodiversität jedoch kaum gezielt behandelt. Allein wenn Rechte lokaler Gemeinschaften und sog. farmers rights angesprochen werden, treten Aspekte der Agrobiodiversität deutlicher in den Vordergrund, da hier in erster Linie Nutzpflanzen und -tiere betroffen sind (Seiler/Dutield 2001, UBA 2000).
Zu den generellen ökonomischen Trends des landwirtschaftlich - industriellen Systems li
egen neuere Studien vor (bspw. HGF 2001) insbes. die Frage der Nahrungsmittelindustrie, der life science Industrien etc. Die einzelbetriebliche Situation landwirtschaftlicher Betriebe, auch des Ökolandbaus ist ebenfalls spezifisch entwickelt. Im Hinblick auf die wirtschaftlichen Potenziale der Agrobiodiversität (Tiere, Pflanzen) und deren Erschließungsmöglichkeiten ist die Literatur hingegen weniger entwickelt.
Die Literatur zur ökonomische Bewertung (auch der Biodiversität) hat in den ve
rgangenen Jahren erheblich zugenommen (Pierce 1994, Markgraf 1997, Weimann 2000, Geisendorf et al. 1998). Empirische Bewertungsstudien setzen allerdings auf unterschiedlichen Ebenen an, zum Einen an der Ebene bestimmter Einzelarten und Artengruppen und zum Anderen an der Diversität auf der Ökosystemebene (Übersicht z.B. in Nunes et al. 2000). Zudem wird auf unterschiedliche Modelle zurückgegriffen, bspw. Ansätze von Holling (1987/1992), de Groot (1994) und Norberg (1999). Die Bewertung der Agrobiodiversität unterliegt erheblichen konzeptionellen Schwierigkeiten, nicht zuletzt aufgrund der allgemeinen Bewertungsprobleme (Fromm, Brüggemann 1999). Im Rahmen von laufenden Forschungsvorhaben wird insbes. auf die Biodiversität abgehoben (Weimann 2000).
Die Frage der Verfügungsrechte und ihre Relevanz für die biologische Vielfalt ist bspw. von Lerch (1996) behandelt worden, die Fragen der commons im Bereich der Biodiversität wird in der Regel bezogen auf die Frage des open access und damit der fehlenden Regelsysteme. Für die Agrobiod
iversität geht es hingegen stärker um die Frage der Bereitstellung dieser Güter, die, so eine Grundannahme des Projektes, vorrangig durch spezifische wirtschaftliche Nutzungen erfolgen muss.
Politische Konzeptionen in Deutschland werden derzeit in der erwähnten BMVEL-Konzeption sowie für die Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen eines GTZ-Sektorvorhabens Sicherung der Agrobiodiversität im ländlichen Raum (Lossau/Weiskopf 2001) entwickelt. Das BMU initiierte eine multi-stakeholder Kampagne Leben ist Vielfalt im Jahr 2002. Der internationale Politikprozess im Bereich Agrobiodiversität wurde von wissenschaftlichen Institutionen (IPGRI 1992, 1994, 1999) und Nicht-Regierungsorganisationen (GRAIN 1999, 2001; Gaia Foundation 1998, Mulvany/Maienberg 2001 etc.) kritisch begleitet.